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Neue Studie: Einschätzung der Vertrauenswürdigkeit ist im Internet schwieriger. Verhaltens- und Gehirndaten liefern den Beweis.

Eine aktuelle Studie unter Beteiligung der FH Oberösterreich beleuchtet erstmals die negativen Effekte virtueller Kommunikation durch Messungen der Gehirnaktivität der Testpersonen. Im Gegensatz zur Kommunikation von Angesicht zu Angesicht lässt sich im Internet die Vertrauenswürdigkeit der Interaktionspartner schlechter einschätzen. Mit „vertrauensbildenden Maßnahmen“ kann man den negativen Effekten aber entgegenwirken. Koordiniert wurde die internationale Studie von Professor Dr. René Riedl, der u.a. an der FH OÖ Fakultät für Management im Master „Digital Business Management“ lehrt und forscht. Die Ergebnisse wurden nun in einem der weltweit renommiertesten Fachjournale der Informationssystem-Forschung veröffentlicht.

Google, Facebook und Twitter haben sowohl unser Privatleben als auch die Arbeitswelt in den vergangenen Jahren nachhaltig verändert. Ein weltweit rascher und unkomplizierter Informationsaustausch ist möglich geworden und dies hat für viele Menschen Vorteile mit sich gebracht, beispielsweise Produktivitätssteigerungen sowie einen verbesserten Zugang zu Informationen. Dennoch mehren sich in letzter Zeit kritische Stimmen. Die immer weiter voranschreitende Ausbreitung von Informations- und Kommunikationstechnologien und ihre unreflektierte Verwendung können negative Konsequenzen für jeden Benutzer sowie die Gesellschaft im Allgemeinen nach sich ziehen. Fragen zur Sicherheit von Daten im Internet sowie zu den radikalen Veränderungen des menschlichen Informations- und Kommunikationsverhaltens rücken mehr und mehr in den Mittelpunkt. Eine internationale Studie unter der Gesamtkoordination von Professor Dr. René Riedl (Digital Business Management, FH OÖ und Johannes Kepler Universität Linz) in einem Forschungsverbund mit Universitäten aus Deutschland (Freie Universität Berlin, Zeppelin Universität Friedrichshafen, Universität Konstanz) und den USA (University of Arkansas) zeigt nun erstmals auf Basis von Verhaltens- und Gehirndaten, dass virtuelle Kommunikation im Vergleich zu Face-to-Face-Kommunikation zu signifikant negativen Effekten führen kann, insbesondere deshalb, weil die Einschätzung der Vertrauenswürdigkeit von Interaktionspartnern im Internet schwieriger ist als dies bei der Interaktion von Angesicht zu Angesicht der Fall ist.

Vermehrte Gehirnaktivität bei der Kommunikation mit „echten“ Menschen

Konkret wurde in der experimentellen Studie untersucht, ob es Unterschiede in der menschlichen Kommunikation mit Avataren (künstliche Repräsentationen von Menschen im Internet) oder echten Menschen gibt. Die Gehirnaktivität der Probanden wurde während der Interaktionsprozesse mittels funktioneller Kernspintomographie (fMRT) gemessen. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die richtige Einschätzung der Vertrauenswürdigkeit von Menschen signifikant häufiger gelingt als bei Avataren. Dieser Unterschied auf der Verhaltensebene manifestiert sich zudem in einer signifikant höheren Aktivierung einer Region im medialen frontalen Cortex während der Interaktion mit Menschen (im Vergleich zu Avataren) – diese Region ist für das Verstehen der Emotionen und Absichten anderer Menschen bedeutsam, und dies ist in Vertrauens- und Kollaborationsprozessen von entscheidender Bedeutung. Das Forscherteam argumentiert, dass der Mensch im Laufe seiner Evolution fast ausschließlich Face-to-Face kommuniziert hat, was sich in seiner Genetik und daher auch in seiner Gehirnfunktionalität und seinem Verhalten niederschlägt. Daher ist der Mensch auf „natürliche Kommunikation programmiert“, so Dr. René Riedl. Daraus folgt, dass der Mensch aufgrund seiner neurobiologischen Ausstattung grundsätzlich weniger für anonyme Interaktion im Internet vorbereitet ist. „Allerdings zeigen die Verhaltensdaten unserer Studie auch“, so Dr. Riedl, „dass der Mensch rasch lernt und sich auf neue Gegebenheiten einstellen kann“. Das erklärt, warum sich Digital Natives mehrheitlich im Internet wohlfühlen und wirksam online mit vielen anderen Menschen kommunizieren.

Vertrauensbildung gerade bei virtueller Kommunikation wichtig

Insgesamt zeigt die Studie, dass die möglichen Nachteile anonymer Kommunikation im Internet auf Basis fehlender Gesichtsinformationen nicht zu unterschätzen sind. Da die Bildung von zuverlässigen Vertrauenswürdigkeitsurteilen eine wesentliche Grundlage sozialer und wirtschaftlicher Interaktion ist, sind bei der Kommunikation via Internet geeignete Maßnahmen zu treffen, um den möglichen negativen Konsequenzen anonymer Interaktion entgegenzuwirken. Dies erklärt beispielsweise, warum Online-Plattformen im letzten Jahrzehnt massiv in den Aufbau vertrauensbildender Maßnahmen investiert haben (z. B. Gütesiegel). Die Studie ist in der aktuellen Ausgabe der renommierten Fachzeitschrift Journal of Management Information Systems veröffentlicht.

Veröffentlichung einer Technostress-Studie ausgezeichnet

Im Zusammenhang mit den negativen Wirkungen, die von der Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien ausgehen können, wurde ein Forschungsbeitrag zum Thema „Technostress“ von Dr. René Riedl am 20. Mai von der ACM-Fachzeitschrift DATA BASE for Advances in Information Systems mit dem „Paper of the Year 2013“ Award ausgezeichnet. Zudem wurde der Beitrag für das „Paper of the Year“ in der gesamten Association for Information Systems (AIS) nominiert; es handelt sich hierbei um die weltweit größte und renommierteste wissenschaftliche Vereinigung in der Informationssystem-Forschung.

Bibliographische Angabe zur Internet-Studie:

René Riedl, Peter Mohr, Peter Kenning, Fred Davis, Hauke Heekeren: Trusting Humans and Avatars: A Brain Imaging Study Based on Evolution Theory. Journal of Management Information Systems, Vol. 30, No. 4., 83-113.

Studienautor und Preisträger René Riedl. Foto: FH OÖ (Abdruck honorarfrei)

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