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Studie: FH OÖ untersucht Technostress von MitarbeiterInnen

 

Streikende Rechner und Informationsüberlastung machen auf Dauer krank. Die intensive Interaktion mit digitalen Geräten belastet viele Menschen, mentale Überbeanspruchung bis hin zu Produktivitätsrückgängen sind das Ergebnis. Diese Befunde zeigen mehrere Studien einer oberösterreichischen Forschungsgruppe rund um Prof. René Riedl in den letzten Jahren, an denen Forscher der FH OÖ sowie der JKU Linz und des Kepler Universitätsklinikums mitgewirkt haben. In einem nun darauf aufbauenden vom FWF (Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung) finanzierten Forschungsprojekt der FH OÖ wird die Frage untersucht, wie und warum Technostress in Unternehmen entsteht und wie Arbeitnehmer damit umgehen. Untersucht wird auch wie unternehmensweit eingesetzte IT-Systeme stress-sensitiv auf die Überlastung von Mitarbeitern reagieren können.

 


Unternehmen, die dem Technostress den Kampf ansagen, können die Vorteile der Digitalisierung besser nutzen. Und das macht sie wettbewerbsfähiger“, ist Studienleiter René Riedl und Professor für Digital Business & Innovation an der FH Oberösterreich überzeugt.

Die Unternehmen, in denen das Phänomen "Technostress" im Rahmen des FWF-Projekts untersucht wird, werden im Herbst 2018 festgelegt. „Wir untersuchen direkt in Unternehmen das Phänomen und die Faktoren, die zu Technostress führen. Wir setzen dabei auf einen Methodenmix aus den verschiedensten Disziplinen wie Psychologie, Neurobiologie und Medizin. Neben Interviews und Befragungen werden wir vor allem Messungen körperlicher Stresssymptome wie Herzfrequenz, Herzratenvariabilität, Blutdruck und Stresssubtanzen wie Kortisol und Alpha-Amylase evaluieren“, erklärt Riedl.

Das Forschungsdesign basiert auf einer komparativen Fallstudie, in der Technostress in einem Unternehmen mit hoher IT-Durchdringung (Softwareentwicklungsunternehmen) und in einem mit niedriger IT-Durchdringung (Gesundheitsbereich) untersucht wird. Die Fallstudien werden über einen Zeitraum von 1,5 Jahren durchgeführt. Es wird also ein Längsschnittdesign verwendet, um die Entwicklung des Phänomens im Zeitablauf zuverlässig erfassen zu können. In jedem Unternehmen werden MitarbeiterInnen aus verschiedenen Abteilungen untersucht, da bekannt ist, dass Technostresswahrnehmungen maßgeblich vom verantworteten Aufgabenspektrum abhängen können.

Mehr Bewusstsein für Technostress in Unternehmen

Durch die Untersuchungen der FH OÖ werden Management und MitarbeiterInnen für die Technostress-Thematik sensibilisiert, das Thema, das im Grunde jeden Mitarbeiter betrifft, rückt in den Mittelpunkt der Betrachtung. Die WissenschafterInnen erforschen nicht nur wie und warum Technostress entsteht, sondern richten ihr Augenmerk auch darauf, wie Mitarbeiter mit dem Problem umgehen. „Aus diesen Beobachtungen lassen sich generalisierbare Bewältigungsstrategien ableiten, die sowohl auf Individual- als auch auf Organisationsebene wirksam sein können. Außerdem forschen wir daran, wie unternehmensweit eingesetzte Informationssysteme (wie sie z. B. in der Auftragsabwicklung eingesetzt werden) stress-sensitiv werden können, um MitarbeiterInnen nicht zu überlasten“, sagt Riedl.

Erste Forschungsbefunde aus einem vom Land OÖ finanzierten Vorprojekt zeigen, dass die durchgeführte Feldforschung das Bewusstsein von Top-Management und insbesondere von HR-Abteilungen für das Phänomen „Technostress“ schärft. Erste Untersuchungen haben auch gezeigt, dass IT-Abteilungen sich mit dieser Problematik im Regelfall weniger auseinandersetzen wollen. Weiter zeigen die aktuellen Befunde der Feldforschung, dass es möglich ist, wirksame Gegenmaßnahmen zu entwickeln und in der Organisation umzusetzen.  Wirksame Gegenmaßnahmen können in technologisch und nicht-technologisch gruppiert werden. Erstere sind darauf gerichtet, die Zuverlässigkeit und Sicherheit der IT-Informationsinfrastruktur zu gewährleisten, letztere zielen darauf ab, psychologisch-organisatorisch tätig zu werden indem explizite Pausenregelungen für User festgelegt werden oder Vorgesetzte mit ihren MitarbeiterInnen die Erwartungen hinsichtlich dem E-Mail-Antwortverhalten abklären.

„Die Relevanz der Technostress-Problematik nimmt mit der zunehmenden Verbreitung und Nutzung sämtlicher Formen von Informations- und Kommunikationstechnologien immer weiter zu. Damit einhergehend sind langfristig enorme negative Gesundheitsfolgen für die Gesellschaft zu befürchten und Unternehmen verlieren an Leistungsvermögen und Produktivität. Unsere Forschungen helfen, das Phänomen besser zu verstehen, um wirksame Gegenmaßnahmen zu entwickeln. Im Fazit kann gesagt werden, dass Digitalisierungsbemühungen ohne Berücksichtigung möglicher negativer Konsequenzen nicht nachhaltig erfolgreich sein können, da wir hinsichtlich Menge und Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung einen Punkt erreicht haben, der den natürlichen menschlichen Informationsaufnahme und -verarbeitungskapazitäten zuwiderläuft“, resümiert der FH OÖ Experte.

 

Über das Projekt „Technostress in Organisationen“:

Im Zuge eines vom Land OÖ finanzierten Vorprojekts (Laufzeit: Jänner 2017 - Dezember 2018) wurden aktuell bereits Erkenntnisse im Rahmen einer Fallstudie in einer Medienagentur gewonnen (rund 20 untersuchte Mitarbeiter in diversen Abteilungen), welche für die Detailplanungen der vom FWF finanzierten Hauptstudie verwendet werden. Ein bedeutsamer Befund der Vorstudie ist beispielsweise, dass eine Methodenkombination (Fragebögen, Interviews, Tagebuchaufzeichnungen, Verhaltensbeobachtung sowie physiologische Messungen wie Herzrate, Herzratenvariabilität, Blutdruck und Stresshormone) unerlässlich ist, um zuverlässige Forschungsergebnisse zu erarbeiten. Inhaltlich wurde zudem festgestellt, dass die Unzuverlässigkeit von Informations- und Kommunikationstechnologien (z. B. Systemabstürze, lange und variable Antwortzeiten) sowie das Verschwimmen beruflicher und privater Grenzen (z. B. Lesen und Beantworten von E-Mails nach Dienstschluss und am Wochenende) bedeutsame Facetten von Technostress sind. Zudem wurde herausgefunden, dass das Alter von Mitarbeitern (jüngere Mitarbeiter sind weniger gestresst als ältere) und die Persönlichkeit von Usern (z. B. manche Menschen sind generell aktivierter als andere, weil sie neurotischer sind und somit mehr auf externe Reize reagieren) einen Einfluss auf Technostress und folgende Faktoren haben kann: Wohlbefinden, Gesundheit, Arbeitszufriedenheit und Produktivität.

 

Über FWF:

Der Wissenschaftsfonds FWF (Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung) ist Österreichs zentrale Einrichtung zur Förderung der Grundlagenforschung.
Der FWF dient der Weiterentwicklung der Wissenschaften auf hohem internationalem Niveau. Er leistet einen Beitrag zur kulturellen Entwicklung, zum Ausbau der wissensbasierten Gesellschaft und damit zur Steigerung von Wertschöpfung und Wohlstand in Österreich.

René Riedl. Foto: FH OÖ

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